Und so zieh ich meine Runden….

Veröffentlicht am 21.06.2014

Momentan fühle ich mich, als würde ich auf einem Pfad wandeln über den ich in den letzten Jahren so oft gegangen bin, dass die Erde ganz festgetrampelt ist. Ich kann den Weg mit geschlossenen Augen gehen, so vertraut ist er mir – ich kenne jede Ecke, jeden Stein in- und auswendig.

Ab und an komme ich an einer Abzweigung vorbei. An manchen gehe ich schnurstraks vorbei, werfe hin und wieder über die Schulter einen Blick zurück. Bei manchen bleibe ich stehen, spähe hinein, bleibe aber auf meinem sicheren Trampelpfad, denn der andere Weg verschwindet in der Dunkelheit. Also bleibe ich auf meinem altbekannten Weg – mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf.

Manche angrenzenden Wege sind mit Leuchtreklamen und blinkenden Pfeilen versehen. Sie locken mich. Aber an solchen Wegen gehe ich schnell vorbei. Denn kann das Gute so offentsichtlich sein? Und hat es das wirklich nötig so auf sich aufmerksam zu machen?

Oft begleitet Erna mich auf meiner Tour. Dadurch wird manchmal selbst der altbekannte Weg  zum Spießrutenlauf. Die Geräusche, die Bäume – alles macht mich nervös und ist mir zuviel.

Aber es gibt auch die anderen Abzweigungen, diejenigen, die mich allein durch ihre Schlichtheit bezaubern. Ein Weg hat es mir besonders angetan und ich kann nicht mal sagen warum. Es ist ein einfacher Waldpfad. An diesem setze ich mich auf die hölzerne Bank gegenüber und beobachte den Weg. Das Moos am Wegesrand, die Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blattwerk fallen und alles in ein verwunschenes Licht tauchen. Dieser Weg zieht mich an und er bringt etwas in mir zum Klingen, was ich schon lange als verschütt gegangen glaubte. Vielleicht ist dies mein rechter Weg. Mein Weg auf dem ich endlich von der Raupe zum Schmetterling werde oder wie der Phoenix aus der Asche steige.

Aber solange Erna an meiner Seite weilt, sitze ich nur auf meiner Bank, die immer größer und höher zu werden scheint, bis ich wie ein kleines Mädchen nur dasitze, mit den Beinen baumele und mich nicht traue eine Entscheidung zu fällen. Irgendwann wird es Erna dann zu langweilig nur den Weg und die Blätter anzustarren, was sie durch mehrmaliges Seufzen bereits kundgetan hat, dann hüpft sie von der Bank und streckt mir die Arme entgegen. Resigniert lasse ich mich wie ein Kleinkind in ihre Arme fallen, blicke über ihre Schulter zu meinem Weg zurück. Wie ein Kind vertraue ich auf ihre Entscheidung – wird schon richtig sein. Sie ist schließlich die Erwachsene. Trotzdem bin ich traurig und was noch schlimmer ist – hoffnungslos. Denn der Weg, den ich gehe, ist zwar der sichere, aber nicht der, der mich glücklich macht und mich ausfüllt. Der mir endlich nochmal das Gefühl gibt zu leben und dass mein Leben WERTvoll ist.

Als ich vor 8 Jahren von meinem 6-monatigen Aufenthalt in Australien zurückkam, wollte ich nur für ca. 1 Monat hierbleiben, Familie und Freunde sehen und wieder verschwinden. Ich fühlte mich stark und lebendig, so als könnte ich alles schaffen. Keiner aus meiner Familie hat es mir zugetraut, dass ich länger als 1 Woche dort aushalte.  Sie sagten, es wäre der größte Blödsinn, den ich jemals gemacht habe. Aber genau diese Zeit dort, ist die, von der ich noch am meisten in meiner Erinnerung zehre. Ich wollte also wieder weg. Leider kam alles anders.

Ich fand eine gut bezahlte Festanstellung, die ich zuerst nur nutzen wollte, um Geld zu sparen, Berufserfahrung zu sammeln und dann wieder in die Ferne zu ziehen. Ausgerechnet in einem Unternehmen voller Anzug- und Krawattenträger, die ich früher so gar nicht ausstehen konnte.

Also musste ich mich anpassen. So sehr, dass ich im Laufe der Jahre so farblos wurde, dass man mich kaum noch ausmachen konnte. Am Anfang habe ich sehr gelitten, aber mir selbst immer wieder zeitliche Ziele gesteckt, die ich schaffen wollte. Die Probezeit hinter mich bekommen, die erste große Gala, ein Jahr Arbeitserfahrung usw. Viele sagten mir damals, ich soll mich nicht hängenlassen und jeder müsste schließlich arbeiten. Und dass ich da halt durch muss. Und ich hab mir geschworen, dass ich mir von niemandem mehr jemals so etwas vorwerfen lasse. Was sie nicht verstanden haben war, dass es nicht ums Arbeiten ging, sondern um die Art & Umgebung der Arbeit.

Weil ich allen zeigen wollte, dass ich kein Waschlappen war, habe ich gegen mein Bauchgefühl (ich hab die ersten 6 Monate jeden Morgen würgend über der Kloschüssel gehangen) entschieden. In den beiden Anfangsjahren war ich noch zuversichtlich, dass ich nur Geld spare und bald weg bin. Aber dann hab ich mehr und mehr gearbeitet und alles mit Arbeit verschüttet und verdeckt. So lange bis ich zu erschöpft war, um auch nur an irgendwas anderes zu denken, wie Auswandern, Hobbys, ein stabiler Freundeskreis, Partnerschaft etc. Ich hab einfach immer weitergemacht, trotz tiefer Erschöpfung, Traurig- und Einsamkeit und dem Gefühl mich selbst irgendwann auf dem Weg verloren zu haben. Und wenn jemand so lange, über Jahre hinweg, gegen sich selbst kämpft und ständig seine Grenzen überschreitet, kann das auf Dauer nicht gutgehen. Irgendwann bekommt jeder die Rechnung dafür. Und die kam bei mir letztes Jahr. Ziemlich hoch und ich bezahle noch immer monatlich daran ab.

Es ist wie das rote M&M Männchen aus der Werbung. Es rennt und rennt auf dem Rollband der Kasse so lange vor der Verkäuferin weg bis neue Waren ihm den Weg versperren und es sich seufzend seinem Schicksal ergibt und resigniert, mit missmutigem Gesichtsausdruck, selbst mit seinem Hintern über den Kassenscanner rutscht. Es hatte nie eine wirkliche Chance zu entkommen. Obwohl es lief und lief und sich plagte. In der Einkaufstüte begrüßt ihn fröhlich sein gelber Freund, der sich freut, dass sie beide auf der Gästeliste stehen. Dabei ist es die Speisekarte.

Clip auf YouTube 

Und so ziehe auch ich weiter meine Runden…….

 

Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben

Marc Aurel