Good morning, dear!

Veröffentlicht am 13.06.2014

Seit ein paar Wochen wache ich morgens auf und Erna liegt neben mir. Sie schleicht sich wohl nachts unbemerkt in mein Zimmer. Wenn ich nun aufwache, hält Erna mich im Klammergriff und Zacharias liegt langausgestreckt auf mir. Schön ist anders….

Wenn ich nun langsam zwischen Schlafen und Wachen zu mir komme, ist das erste Gefühl:  Angst!

Mit Übelkeit und allem pipapo. Und zwar heftig.

Während Erna mir leise ins Ohr schnarcht, überlege ich wovor ich eigentlich Angst habe, dass ich morgens wieder so wach werde. Als ich krank wurde, hatte ich diese Angstgefühlt auch. Und ich wusste nicht warum. Dann kam im Juli die erste Angstphase.

Es gibt natürlich nach wie vor Dinge vor denen ich Angst habe, z.B. an einer tödlichen Krankheit zu erkranken, aber ich glaube, dass hat jeder. Nur jeder denkt nicht soviel darüber nach wie ich. Ich denke soviel darüber nach, weil ich eine Scheißangst davor habe, denn es bedeutet Alleinsein, nicht rauszukönnen, daraus resultiert bei mir dann die Depression und die Angst. Die beschlagnahmen mich so, dass ich vielleicht keine Kraft mehr habe, um die andere Krankheit zu bekämpfen. Oder ich einfach durch die Depression so hoffnungslos bin, dass es mir auch egal ist.

Weiterhin will ich nicht in dieses Krankenhaus. Auch in kein anderes, aber in dieses erst recht nicht. Dort lag meine Oma vor drei Jahren, im Oktober 2012 brachte ich meine Freundin, die an Schizophrenie erkrankt ist, dortin in die geschlossene psychiatrische Station und letztes Jahr habe ich mir die psychotherapeutische Station dort angesehen, weil meine Hausärztin meinte, ich soll dorthin gehen, um die Dauer bis zur Reha zu überbrücken. Aber seit 2012 habe ich so eine Angst, dass ich auch mal dorthin in die geschlossene Abteilung muss, dass sich alles in mir sträubt dieses Krankenhaus zu betreten.

Mein Onkel liegt nun seit einer Woche dort und ich kann mich nicht überwinden, um ihn zu besuchen. Obwohl ich hingehen sollte. Er und seine Familie sind mein Familienkern. Im letzten Jahr, als ich gerade eine Woche krankgeschrieben war und ich einen Anwalt brauchte, ist er mit mir hingefahren und hat sich mit mir beraten lassen. Als ich 18 wurde, war er derjenige, der mir einen Strauß Rosen schenkte, nicht mein Vater. Hätte ich weiterhin keinen Kontakt zu meinem Vater, so wie nach den zwei Jahren nach meiner Oma’s Tod, wäre er es gewesen, den ich gebeten hätte, ob er mich zum Altar führt, sollte ich denn irgendwann mal heiraten.

Vielleicht sollte ich Erna einfach öfter in ihre Schranken und in ihr Zimmer verweisen. Ich bin zwar ein Verfechter davon, dass man ältere Leute respektvoll behandeln soll, aber ich bin es auch leid, mir immer alles gefallen zu lassen und immer lieb und nett zu sein.

Ein weiterer Grund für meine Angst ist sicher auch, dass ich merke, dass ich wieder auf alten Pfaden wandle. Kein Sport, zuviel Arbeit, Freizeitgestaltung geht gen Null. Dabei habe ich vertraglich eine 30-Std.-Woche. Aber seit die neue Kollegin da ist, habe ich ein ungutes Gefühl. Sie versucht alles an sich zu reißen und ich vermute, dass sie mich ins Abseits drängen will. Sagt mir mein Bauchgefühl. Mein Chef sagt, das sei Quatsch. Es hat natürlich auch etwas mit meinem Stolz zu tun, so schwer es mir auch fällt, dieses zuzugeben (aber wenn ich schon in meinem eigenen Blog nicht ehrlich sein kann, wo denn bitte sonst?!?!). Ich habe keine Lust die zweite Geige zu spielen, nachdem ich jahrelang darauf hingearbeitet habe, die erste zu werden bzw. seit 3 Jahren zu sein. Aber meine Gesundheit sollte mir wichtiger sein, vor allem da ich nun weiß, wie tief und hart ich fallen kann. Manchmal scheine ich etwa schwer von Begriff zu sein, wenn es um mich selbst geht.

Weiterhin denke ich sehr oft, dass das doch nicht alles sein kann vom Leben. Tagein, tagaus immer derselbe Trott. Ich bin wie ein Schlafwandler, bewege mich wie im Tran, bekomme die Dinge, die um mich herum passieren kaum mit. Wenn ich mir so meine Zukunft vorstelle, bekomme ich wieder das Schwächegefühl in den Armen, ein körperliches Zeichen meiner Angst. Aber ich traue mich nicht meine Sicherheits-/Komfortzone zu verlassen, obwohl ich mich dort nicht wohlfühle, sie mir anscheinend nicht guttut und ich mich langweile. Ich würde so gerne die Welt bereisen, nicht nur für Urlaube, sondern richtig reisen und gerne auch für Kost und Logis dort arbeiten. In meiner Familie gibt es nur eine Person, die das versteht, meine Cousine. Leider ist sie durch zwei Kinder hier gebunden. Mit ihr hätte ich sicher schon die halbe Welt bereist, wenn sie denn frei wäre. Aber alleine, als Frau, die weite Welt erkunden…. Dazu gehört eine ganze Menge Mut. So träume ich mir das Leben herbei, das ich gerne führen möchte. Meistens in Tagträumen. Ich sehe mich selbst als toughe Abenteurerin, z.B. als Natur- und Tierfilmerin oder Fotografin, die um die Welt reist. Wenn ich Bücher lese, die Auswanderer geschrieben haben, beflügelt mich das. Wenn das Buch zuende ist und ich es beiseite lege, fühle ich mich wie ein Vogel, der im Käfig gefangen ist. Aber nur ich kann es ändern. Wieso bin ich nicht mutig?? Warum fällt es mir so schwer das zu tun, was ich tun will. Weil das hier eben keine Hollywoodschnulze ist, sondern das echte Leben. Mein Leben, ohne Sicherheitsleine und doppelten Boden. Wer fängt mich auf, wenn ich scheitere. Wie sehr würde ich mich schämen, wenn ich in den Schoß meiner Familie zurückkehren müsste, denn die haben das natürlich kommen sehen und all die ,ich hab’s dir doch gesagt‘ kann ich mir lebhaft vorstellen.

Wenn ich mir das oben geschriebene anschaue, ist meine morgendliche Angst nicht mehr verwunderlich und auch nich, dass Erna nun in meinem Bett übernachtet. Wenn sie wenigstens ihr eigenes Kissen und eigene Decke mitbringen würde, stattdessen klaut sie meine.

Sobald ich versuche aufzustehen, wird Erna wach, schnappt sich Zacharias und tapst schlaftrunken zurück in ihr pinkes Zimmer. Spätestens, wenn sie die Tür hinter sich zugezogen hat, ist meine Angst weg, Nur ab und an merke ich tagsüber am Schwächegefühl in meinen Armen, dass Erna gerade an mich denkt. Sie hat sich wirklich häuslich bei mir eingerichtet und ich hoffe, sie hält sich an unsere Abmachung Anfang November auszuziehen.

Seit kurzem lernt sie in einer Seniorengruppe an der hiesigen VHS Englisch. Vielleicht bereitet sie sich auf ihren nächsten Gastgeber vor. Wer weiß….. Bevor ich mich nun morgens zum Aufstehen aufraffe und ich mich endlich aus ihrem Schraubstockgriff befreit habe, murmelt sie mir ein verschlafenes ,Good morning, dear. Have a nice day!‘ entgegen.

Sie ist mir wirklich ein Rätsel, das alte Mädchen.