Gestatten, Erna. Erna Ernst

Veröffentlicht am 27.11.2013

Neben der Depression wurde bei mir eine generalisierte Angststörung festgestellt, wobei in der Reha das Hauptaugenmerk bei mir auf der Angst lag. Ein Arzt riet dort, wir sollen uns die Angst oder Depression als ältere Dame vorstellen, sie zum Kaffee einladen und zuhören, was sie uns zu sagen hat. 

Ich habe die Dame also in meine Wohnung und in mein Leben gelassen. In meiner Kunsttherapie sollte ich sie malen und im Schreibkurs letzte Woche sollten wir einen Steckbrief über unsere Schreibblockade erstellen, als wäre sie eine Person. Wenn ich die Angst habe, kann ich nicht schreiben. Es ist, als würde ein Licht in mir ausgeschaltet. 

Ich habe der Angst also ein Gesicht und einen Namen gegeben: Erna Ernst. Fräulein Erna Ernst. 87 Jahre alt, alleinstehend, kinderlos. Lediglich ihr Kater Zacharias lebt bei ihr. Ich stelle sie mir mit einem verkniffenen, faltenreichen Gesicht vor. Schmaler Mund, die grauen Haare zu einem strengen Dutt gebunden. Sie hat eine Vorliebe für dunkle, gedeckte Kleidungsstücke. Ihr Motto lautet:,,Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ 

Erna’s liebste Freundin heißt Else und sie kennen einander bereits seit Kindertagen. Else ist lustig, vorlaut und chaotisch. Sie lebt nach:,, Was Du heute kannst besorgen, das verschieb getrost auf morgen.“

Erna war nicht immer so bieder und ernst wie heute. Sie hiess Erna Goodwill, hat ihren Nachnamen aber geändert in einen Namen, der nun besser zu ihr passt. Früher war sie wie Else. Jung, schön und voller Leben. Sie hatte ein inneres Strahlen und die Leute hiessen sie willkommen, lauschten ihren Worten und folgten ihrem Rat. Angst war in diesen Zeiten lebenswichtig, ja sogar lebensrettend.

Aber im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich dies gewandelt. Wir müssen unsere Nahrung nicht mehr selbst jagen und die lebensrettende Angst, die das Überleben sicherte, wird nur noch selten gebraucht. Stattdessen traten andere Ängste in den Vordergrund. Ängste, die aus einer Mücke einen Elefanten und aus profanen Alltagsdingen einen Spiessrutenlauf machen können.

Diese Art von Ängsten, die einen solchen Leidensdruck hervorrufen, dass diejenigen, die unter ihnen leiden, oftmals nicht mehr Ein noch Aus wissen, vor allem, da viele nicht wissen, wovor sie eigentlich Angst haben. 

Und daher ist es nicht verwunderlich, dass sie Erna nicht freudig begrüssen, sondern bei ihren ersten Besuchen oft die Tür vor der Nase zuknallen, anstatt ihr zuzuhören. Wem kann man es auch verdenken?! Wer befasst sich schon gerne mit unangenehmen Dingen und stellt sich seinen schlimmsten Ängsten.

Erst wenn die Betroffenen bereits so verzweifelt und erschöpft sind, da sie oft gar nicht wissen, was mit ihnen passiert, erst dann betritt Erna vollends ihr Leben.

Sie braucht keine Kraftaufwendung mehr, um die Tür zu öffnen, denn meistens liegen die Bewohner dahinter am Boden und beobachten nur noch resigniert, wie Erna eintritt. Sie haben keine Kraft mehr sich entgegenzusetzen. Erna weiss, dass sie nicht willkommen und ein unliebsamer Gast ist.

Dies und all die Ablehnung, ja sogar Hass, der ihr in den letzten Jahren entgegengebracht wurde, haben Erna verändert und ihr inneres Strahlen ist erloschen. Sie haben aus ihr die Person gemacht, die sie heute ist. Alt, freudlos und allein.

Ich war also ebenfalls nicht begeistert, als Erna vor sechs Jahren das erste Mal bei mir klingelte. Zu dieser Zeit hatte ich aber noch genug Kraft mich gegen die Tür zu stemmen und ihr den Eintritt zu verweigern. Ich versprach ihr halbherzig durch die geschlossene Tür, mir Hobbys zu suchen und mehr auf mich Acht zugeben.

Tja, und nun lebt Erna bei mir. Ist mit Sack, Pack und Zacharias bei mir eingezogen. Sie schläft nun in meinem pinken Gästezimmer. Die Farbe wäre nicht unter ihren Top10, hätte sie das Zimmer gestrichen, teilte sie mir direkt mit. Nun, das Leben ist kein Wunschkonzert und sie war auch nicht unter meinen Top10 der beliebtesten Mitbewohner. 

Ich musste feststellen, dass jegliche Form von Widerspruch, Einspruch oder überhaupt viel Gerede bei ihr nicht gerade gut ankommt. Die darauffolgende Angst kam überraschend und dauerte auch länger, als die Angstphasen vorher. Selbst die Kunsttherapie konnte sie nicht vertreiben, so wie vorher im Juli und August. 

Widerwillig und zähneknirschend habe ich Erna um ein Gespräch gebeten. Wir haben einen Kompromiss geschlossen und sie darf bis nächstes Jahr Anfang November in meinem pinken Zimmer wohnen. Ich werde ihr zuhören und wir werden mein Leben so ändern, dass wir beide zufrieden sind. Aber dann hat sie meine Gastfreundschaft lange genug in Anspruch genommen und muss wieder gehen und das Leben von jemand anderem zum Positiven wenden. Wenn derjenige oder diejenige sie denn reinlässt. 

Ich habe festgestellt, dass sie mir nichts böses will, nur da ich bereits so hart gefallen bin und noch immer blaue Flecken habe, tut es sauweh, wenn ich wieder nicht genug auf mich Acht gebe und sie mich dann anrempelt, um mich zu warnen. Ich bin überrascht, dass sie soviel Kraft hat. Seitdem ich akzeptiert habe, dass Erna nun vorübergehend bei mir lebt, ist sie etwas aufgeschlossener geworden.

Gestern habe ich aus ihrem Zimmer Technomusik gehört. Als ich die Tür öffnete, sagte sie, sie habe den Sender versehentlich verstellt. Is klar….. 

Vielleicht ist es ja wie im Film ,Eine zauberhafte Nanny‘ mit Emma Thompson. Erst hat sie ein einschüchterndes Aussehen und Wesen. Aber je mehr die Kinder ihr und ihren Ratschlägen vertrauen und sie befolgen, desto hübscher und jünger wird Nanny McPhee. Die Kinder, die sie anfänglich so verabscheut haben, möchten sie nicht mehr fortlassen. Aber wenn sie nicht mehr gebraucht wird, muss Nanny McPhee zur nächsten Familie weiterziehen, die ihre Hilfe nun dringender benötigt.