Die Leere in mir

Veröffentlicht am 26.07.2014

Ich hatte gehofft, dass es mir heute besser gehe. Leider bin ich aber eben mit der Angst und Traurigkeit aufgewacht. Heftiger als sonst in den letzten Monaten und sie ging auch nicht weg nachdem ich schon eine Weile wach war. Die Schwäche in beiden Oberarmen und die Hitze, die mir bis in die Fingerspitzen schießt, wie flüssige Lava, die durch meine Venen fließt. Dazu ein abgeschwächtes Gefühl der Übelkeit.

Ich habe Angst und ich weiß nicht wovor. Ich bin traurig und ich weiß nicht warum. Ohne die morgendliche Tablette wäre heute der Anfang einer Angstphase. Es hat meistens so angefangen, dass meine Laune merklich runterging, ohne wirklichen Grund, und 1-2 Tage später war ich wieder in meiner eigenen Welt der Angst und Hoffnungslosigkeit gefangen. 

Besuch dort ist eher selten. Denn die meisten können es nicht nachvollziehen, wenn ich sage: Ich habe Angst. 

Sie fragen: Wovor? 

Und ich erwidere: Ich weiß es nicht. 

Dann herrscht meist Schweigen bei meinem Gegenüber. Ratlosigkeit. Sie sehen, wie ich leide, können mir aber doch nicht helfen. Können den Wall der Angst um mich herum nicht durchbrechen.

Und ich bin froh, dass sie es nicht können, denn wenn sie es könnten, hieße das, dass sie auch in dem Sog einer Angsterkrankung oder Depression stecken. Entweder im Anfangsstadium oder mittendrin. 

Aber wie erklärt man jemandem, der dies nicht hat, was in mir vorgeht…. Ich kann nur sagen, dass mich in diesen Phasen die Angst beherrscht. Und die Hoffnungslosigkeit. Als hätte ich Scheuklappen an, nehme ich kaum anderes um mich herum wahr, als diese beiden Dinge. Leidglich, wenn ich stark abgelenkt werde, habe ich ein paar Minuten Ruhe, bevor das Schwächegefühl wiederkommt und ich wieder in den Gedankenwirrwarr der Angst gerate. 

Gestern Abend habe ich noch eine Entdeckung gemacht, der ich bisher kaum Beachtung schenkte. Wenn es mir schlechter geht, kratze ich an meiner Kopfhaut. Meine Oma hat mich früher immer am Kopf gekrault. Das waren so schöne, entpsannende Momente. Ich merke oft gar nicht, dass ich dies auch mache, wenn ich z.B. ein Buch lese oder einen Film schaue. Also entspannt bin.

Gestern aber, als es mir nicht gut ging, kratze ich bis es blutete. Und das mache ich in den schlechten Phasen. Ich habe bisher nicht mal mit meiner Therapeutin darüber gesprochen, weil ich es gar nicht wahrnahm und als unbedeutend empfand. Aber ein Gespräch von Donnerstag fiel mir wieder ein. Manche Menschen ritzen sich die Haut auf, meist mit Gegenständen an Armen oder Beinen, bis sie bluten. Ich kratze bis sie blutet. Evtl. gibt es dort Parallelen. Ich habe mal gelesen, dass Menschen sich ritzen, um sich Erleichterung zu verschaffen, Druck abzulassen. Ich kann gar nicht sagen, warum ich mich kratze. Ich weiß nur, dass es vor Angstphasen auftritt – ich drifte wieder ab in die Angst und fühle nichts außer diese, so war es im letzten Jahr. Vielleicht, um etwas anderes außer Angst und Traurigkeit zu spüren.  

Als ich heute Morgen im Bett lag, habe ich Erna gefragt, was los ist, was sie mir mit Einläutung dieser neuen Angstphase sagen will. Denn dass es eine neue Phase wäre ohne die Tabletten, daran habe ich keinen Zweifel. Ich bekam keine wirkliche Antwort.

Vielleicht ist es, weil ich die letzten Tage wieder zuviel alleine war. Ich hatte zwar früh frei, aber hatte niemanden, mit dem ich die freie Zeit verbringen konnte. So bin ich 2x alleine Eis essen gegangen. Ich habe dabei gelesen, aber mit einer anderen Person als Gesellschaft wäre es schöner gewesen. Es war halt nichts und niemand da worauf ich mich nach dem frühen Feierabend freuen konnte. Ich war zwar froh, dass ich früher frei hatte, aber nur, da ich es auf der Arbeit nicht aushielt. Und das ist nun wirklich kein erfreulicher Grund.

Vorgestern bin ich ins Fitness Studio gegangen. Nach langer Zeit nochmal. Aber auch da trainierte ich alleine und redete mit fast niemandem. All diese Dinge machen mich traurig. Ich fühle mich dabei, als säße ich hinter einer Glaswand und schaue den anderen Kindern beim Spielen zu. Nah, aber doch nicht dabei. 

Auch heute gehe ich wieder hin. Einfach nur, weil ich heute nichts anderes geplant habe. Und da wenigstens Leute sind. Auch wenn ich nicht mit ihnen rede, ich kann ihnen zumindest zuhören und mir so die Illusion schaffen, ich bin nicht allein. 

In so einer Phase macht mir dann auch kaum etwas Spaß. Es ist halt nur Mittel zum Zweck – um nicht allein in der Wohnung zu hocken. Wenn ich mir den oben geschriebenen Text durchlese, denke ich, dass bei mir der zentrale Dreh- und Angelpunkt das Alleinsein ist. Dass daraus die Phasen entstehen. Meine Therapeuten und auch Ärzte sagen immer wieder, ich soll meinen Freundeskreis erweitern und mehr mit anderen Leuten unternehmen. Letztes Jahr habe ich auch damit begonnen. Nur es herrscht ein Kommen und Gehen – manche bleiben für Jahre, andere verschwinden nach ein paar Wochen wieder. 

Freundschaften zu schließen fällt mir nicht leicht. Aber Aktivitäten mit Bekannten wäre schon mal ein Anfang. Es gibt die App Spontacts, die ich mir runtergeladen habe. Dort kann man Leute für gemeinsame Freizeitaktivitäten suchen. Es scheint so, dass es vielen Leuten so geht wie mir. Ich muss mich nur aufraffen. Und das fällt mir an manchen Tagen so unglaublich schwer. Ich denke, dass Leute mit mir nichts zu tun haben wollen, wenn ich nicht so gut drauf bin.  Mich für seltsam halten. Also gehe ich gar nicht hin, sondern verkrieche mich zu Hause. Nur dadurch löst sich meine Einsamkeit nicht in Luft auf.

Es stimmt zwar, dass man Depressionen willentlich nicht beeinflussen kann, genauso wenig wie ein gebrochenes Bein. Das heilt auch nicht in 4 Sekunden, nur weil ich das will. Aber dennoch liegt es an mir, was ich aus der Situation mache. 

Mich hier in meinem Kokon, genannt Zuhause, zu verkriechen wird meine Situation nicht verbessern. Ich weiß, dass ich selbst den Arsch hochkriegen muss. Und das ist etwas, was ich willentlich beeinflussen kann. Ich kann zum Sport gehen. Ich kann zum Yoga gehen. Ich kann zum Kickboxen gehen. 

Ich bin letztes Jahr auch dorthin gegangen, selbst in den schlimmsten Angstphasen, körperlich am Ende, da ich wochenlang nur abends etwas essen konnte. Und obwohl ich dachte, ich kippe um und mein Körper packt das nicht, bin ich hingegangen und habe mitgemacht. 

Es war natürlich ein Mittel zum Zweck – ich konnte erst abends alleine zu Hause sein, denn ab nachmittags fing der graue Schleier an sich zu lichten, der tagsüber für mich über allem lag und die Scheuklappen verschwanden. Ich konnte sogar essen. 

Aber ich habe dadurch auch Situationen gehabt, in denen ich trotz allem Freude empfang. Und wenn diese Momente sich summiert haben, ging die Angstphase irgendwann weg. Einfach so, wie von selbst. Und diese Freude empfinde ich, wenn ich mit anderen Personen, die ich mag, zusammen bin, etwas unternehme. Am besten körperlich dabei aktiv bin. 

Aber dafür musste ich jedesmal meinen Arsch hochkriegen und einfach mitmachen, auch wenn ich k.o. war. In der Reha hatte ich auch eine Angstphase, was mich schwer enttäuschte, da ich ja dort war, um die Situation zu verbessern. Ich war körperlich wieder so schnell am Limit und fühlte mich schwach und müde. Aber zwei meiner Mitpatienten haben mich aufgepackt und mit mir eine Fahrradtour gemacht. Ich hatte Angst, da ich zwei Jahre kein Fahrrad mehr gefahren bin. Angst vorm Hinfallen, das ich vor ein Auto fahre – sprich einfach dass mir etwas passiert. Und ich ins Krankenhaus muss, dort ans Bett gefesselt und somit dort der Angst völlig ausgeliefert bin. Denn dort gibt es keine Ablenkung.

Aber diese Fahhrradtour hat mich aus der Phase wieder rausgeholt. Irgendwann während dieser Tour hebte sich der Schleier und ich fand es einfach nur noch schön. Ich hatte die beiden, die mich verstanden und es war ein toller Tag, wofür ich ihnen heute noch dankbar bin. 

Was ich damit meine ist, dass ich zwar diese Krankheiten habe, und dass es Krankheiten sind daran besteht kein Zweifel, aber ich habe es in der Hand, was ich daraus mache. Ich kann hier rumliegen und die Krankheiten gewinnen lassen. Oder ich kämpfe dagegen an. Und es ist ein Kampf. Jedesmal aufs Neue. Schweißtreibend, hart und mit einem unerbitterlichen Gegner, der jede Schwäche ausnutzt. Aber meistens kommen diese Dinge nicht von ungefähr und jeder, auch ich, sollte sich öfter die Zeit nehmen, um immer wieder zu hinterfragen, warum es jetzt wieder bergab geht. 

Das heutige Schreiben dieses Textes hat mir sehr geholfen. Am Anfang fühlte ich mich traurig. Ausgeliefert. Jetz spüre ich wieder Kraft in mir. 

Ich kann nicht hellsehen und ich weiß nicht, was das Leben noch für mich bereithält. Aber ich bin mir sicher, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann, dass es ein für mich erfüllendes, zufriedenes Leben wird. 

Und ich weiß, dass auch diese Phase wieder irgendwann zu Ende geht. Und sage mir, wie in dem Buch von Matthew Johnstone:

Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei. 

Oder: Morgen kommt ein neuer Himmel (Buch von Lori Nelson Spielman, Krüger Verlag)