Die dritte Person – Mit den Augen eines Anderen

Veröffentlicht am 11.07.2014

Ich betrat die Wohnung. Es war Nacht und alles war dunkel. Trotzdem konnte ich alles gestochen scharf erkennen.

Ich ging den kurzen Flur entlang. Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Es kam aus dem hinteren Zimmer. Ich erkannte Wortfetzen, dann ein Schluchzen. Betete sie etwa? Das Rascheln der Bettwäsche folgte, dann hörte ich Schritte. Sie schleppte sich an mir vorbei zum Badezimmer. Mondlicht fiel durchs Fenster auf sie. Sie saß auf der Toilette, die Hände hielten den Kopf, Tränen liefen glitzernd ihre Wangen hinab. Dann griff sie plötzlich nach dem Putzeimer und übergab sich in ihn. Das Geräusch der Toilettenspülung, fließendes Wasser. Sie schlich wieder an mir vorbei Richtung Schlafzimmer. Sie war nur ein Schatten ihrer selbst. Das Haar stand wild vom Kopf ab, Mascaraspuren auf den Wangen und um die Augen verschmiert, das Gesicht erschreckend weiß.

Sie macht kein Licht, denn es tut so weh, so verdammt weh, in ihren Augen. Sie tastet sich mit ausgestreckten Armen in Richtung des Bettes. Dort angekommen setzt sie sich vorsichtig hin, fährt mit der Hand über den Nachttisch, auf der Suche nach den Tabletten. Endlich findet sie eine, zerbricht sie in vier Stücke, da sie sie nicht im Ganzen schlucken kann. Das Öffnen der Wasserflasche, dann Würgelaute und Erbrechen. Erschöpft lässt sie sich in die Kissen sinken. Das wäre die sechste Tablette gewesen. Sie helfen einfach nicht, der Schmerz wird immer schlimmer. Wieso helfen sie nicht.

Ich lasse mich mit dem Rücken an der Wand hinuntergleiten bis ich auf dem kalten Boden sitze. Sie weint. Betet. Und fleht. Aber Oma ist nicht da. Sie kann ihr nicht mehr helfen. Sie ist ganz allein.

Ich bin nur ein stiller Beobachter. Ich würde ihr den Rücken streicheln und den Kopf über den Eimer halten. Aber auch ich kann nicht eingreifen.

Sie dreht sich von einer Seite auf die andere. Und weint. Egal, wie sie liegt, es tut weh. Sogar die Berührung mit dem Kissen schmerzt. Sie weint immer weiter, obwohl es den Schmerz verschlimmert. Sie flüstert. Sie bietet Gott einen Deal an, wenn es sich doch bitte nur um eine Migräne handelt und nicht um einen Schlaganfall. Wieder erbricht sie in den blauen Eimer.

Nun sitzt sie im Bett. Schimpft mit sich selbst. Weint. Schimpft weiter. Weint.

Warum sie immer über ihre Grenzen hinausgeht. Wieder. Schon wieder. Obwohl sie es doch besser wissen muss. Sie ist schließlich hart genug gefallen im letzten Jahr. War wohl noch nicht hart genug. Oder warum ist sie so masochistisch?! Sie weiß es doch besser. Sie weiß, es gibt kein Danke, wenn sie 19 Std am Stück wie von Samstag auf Sonntag arbeitet. Es wird einfach erwartet, vorausgesetzt. Sie ist ja die Blöde, die das mit sich machen lässt. Und egal wie sehr sie sich anstrengt, sie ist austauschbar. Das haben sie ihr in den letzten Wochen begreiflich gemacht.

Wie viel muss noch passieren, bis sie endlich erkennt, dass es das nicht wert ist. Endlich begreift. Erst wenn sie wieder bald am Boden liegt und alle über sie hinwegsteigen und keiner mehr sich nach ihr umdreht. Erst dann?! Nichts und niemand ist es wert, die Gesundheit zu riskieren.

 

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Ich habe diese Geschichte aus der Perspektive der 3. Person geschrieben. Dies habe ich in einem Magazin gelesen, dass man z.B. sein Tagebuch einmal aus der 3. Person schreiben soll. Viele Dinge erscheinen dann evtl. klarer.

Dies war einer der schlimmsten Migräneanfälle, die ich je hatte. Ich erinnere mich nur an einen weiteren, der auch so schlimm war und ich nicht mehr wusste was ich tun sollte, weil die Schmerzen so unerträglich waren. Besser wurde es diesmal erst nach zwei Tagen. Meine Ärztin musste mich sogar krankschreiben. Trotzdem habe ich seitdem mit Schwindel und Übelkeit zu kämpfen.

Auf Grund der Cymbalta darf ich nur die Paracetamol Tabletten gegen die Migräne nehmen. Die helfen aber nicht. Habe an diesem Montag bis Montagnacht 5 1/4 Tabletten genommen, alles erfolglos.

Dienstagmittag kam erst Abhilfe. Meine Ärztin ließ mir Novalgin-Tropfen bringen. 40 Tropfen und die Migräne ging langsam weg. Mittwochs konnte ich dann meine Wohnung verlassen und zu meiner Ärztin in die Praxis fahren. Sie schrieb mich gleich auch noch für diesen Tag krank. Ich hatte zwar zu Hause meinen Koffer schon wieder gepackt, da ich eigentlich beruflich für drei Tage weg musste, aber letztendlich war ich doch froh um diesen Tag. Ab nachmittags lag ich dann auch schon wieder wegen dem Schwindel und der Übelkeit im Bett. Seitdem begleiten mich diese Symptome. Ich soll zum Neurologen und dort zum CT. Und zu meinem Psychiater, um zu klären, welche Tabletten ich ggfs. wegen der Migräne noch nehmen kann.

Fakt ist, dass ich wieder kürzer treten muss. Ego hin oder her. Ich muss lernen mich selbst wertzuschätzen, d.h. auch meine Grenzen zu respektieren. Und meinen 6 Stunden-Tag, den ich vertraglich habe, auch zeitlich wieder einzuhalten.

 

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Nachtrag vom 30.08.2014:

Am Donnerstag war ich bei meinem Psychiater und erzählte ihm von diesem heftigen Migräneanfall. Es waren wohl eine Kombination aus dem Stress und Absetzungserscheinungen der Cymbalta, die ich 2 Tage lang an diesem Wochenende vergessen hatte zu nehmen.

Absetzerscheinungen! Ich war geschockt und erst einmal sprachlos. Ich dachte, ich hätte einen Schlaganfall gehabt, so schlimm waren die Schmerzen. Nun muss ich sagen, dass ich wirklich Bammel habe die Tabletten abzusetzen. Das ist zwar noch nicht abzusehen, aber trotzdem.

Da ich nur eine am Tag nehme, habe ich ihn gefragt, wie man die Dosierung denn langsam reduzieren kann. Diese Tabletten kann man nicht teilen. Er sagte, dass es dann anfangs nur 1 Tablette alle 2 Tage sein wird, dann nach einiger Zeit 1 Tablette alle 3 Tage usw.

So gerne ich die Tabletten auch absetzen möchte, so sehr Angst habe ich nun auch davor eben dies zu tun. Auch wegen den Absetzsymptomen, aber auch vor dem Ergebnis, ob die Angst dann weg ist oder wiederkommt. So stark wie im letzten Jahr.