Depressionen und Erna (die Angst) – Partner fürs Leben?!?!

Veröffentlicht am 21.07.2014

Für einen Montagmorgen war mein Start in die Woche ganz gut. Während der Zugfahrt stieß ich aber auf einen Artikel bei hellogiggles.com über Depressionen. Und schon kreisten meine Gedanken wieder um meine Erkrankung, denn bei mir wurde zuerst eine Depression und dann eine generalisierte Angststörung diagnostiziert.

Hier ist der dazugehörige Link bei hellogiggles (in englischer Sprache).

Da ich selbst von Depressionen betroffen bin, kann ich den Artikel sehr gut nachempfinden. Im engsten Familien- und Freundeskreis gehe ich auch offen mit dem Thema um, zumindest mittlerweile. Ich wusste letztes Jahr anfangs selbst nicht so genau was mit mir passiert, nur dass ich psychisch und physisch fix und fertig war und  eine scheiß Angst hatte. Nämlich vorm alleine zu Hause sein, denn dann kamen die bösen Gedanken wieder und ich hatte keine Ablenkung. Nichts hat geholfen – kein putzen, kein aufräumen, kein stricken, kein lesen, kein fernsehen. Das war nie genug Ablenkung, um in meinem Kopf für Ruhe zu sorgen und die bösen Gedanken zum Schweigen zu bringen. Ich konnte sie nicht abwehren.

Gedanken an meinen Ex, die Arbeit, meine Oma und was ich bloß tun soll, wenn die Angst und diese Gefühle niemals mehr weggehen. Wie lange halte ich das aus? Wie viel Kraft habe ich noch? Was tue ich, wenn es mir irgendwann egal ist, was ich mir evtl antue, weil ich nicht mehr kann. Was ist das für ein Leben, dass nur noch aus Angst und Hoffnungslosigkeit besteht. Was für ein Leben, wenn ich all die Dinge, die ich noch gerne tun und sehen möchte, nicht mehr sehen und tun kann, weil ich zuviel Angst habe.

Diese Gedanken und die Gefühle 24/7 wochenlang zu haben, machte mich fertig. Zermürbte mich.

Ich versuchte es zu erklären, auch bildlich. Aber richtig verstehen und nachvollziehen konnte es niemand. Woher auch. Normale Angst und Traurigkeit kann man mit einem lustigen Film o.ä. schnell schonmal beiseite schieben. Krankhafte Angst und Traurigkeit nicht. Die ist immer da. Auch wenn sie mal ein Nickerchen macht und dir eine kurze Verschnaufpause gönnt. Danach kommt sie gut erholt und oft um ein vielfaches schlimmer zurück. Dann bekam ich oft so doll eine gewischt, dass ich nicht mehr wusste, wo rechts und links ist. Oder wer ich eigentlich noch bin. 

Auch mein Chef und die Kollegen aus meiner Abteilung wissen Bescheid. Mein Chef hat mehrmals mit mir geredet, versuchte zu helfen. Richtig verstanden hat auch er es bis heute nicht. 

Aber ansonsten möchte ich auch nicht, dass jemand von meiner Erkrankung erfährt. Nach wie vor wird man schnell als zu schwach abgestempelt. Oder ich soll mich doch nicht so hängenlassen.

Daher schreibe ich meine Geschichten anonym. Um mich selbst vor Anfeindungen oder falschem Mitleid zu schützen. Denn leider gibt es immer Leute, die solche Situationen zu ihrem Vorteil ausnutzen. 

Depressionen sind keine Willenssache – sie sind eine ernsthafte Erkrankung, die leider nach wie vor oft noch belächelt wird. Würde diese Krankheit durch reine Willenskraft besiegt werden können, würden nicht so viele Menschen darunter leiden. Denn durch diese Hölle geht keiner freiwillig. 

Ich habe letztes Jahr das Buch ,Leben mit dem schwarzen Hund‘ von Matthew Johnstone gekauft und meiner Mutter zu lesen gegeben. Ich hatte gehofft, dass sie mich und mein Verhalten besser verstehen würde. Leider hatte ich am nächsten Morgen das Gefühl, sie habe es gar nicht gelesen, denn sie erklärte mir, dass ich selbst aus der Depression rauskommen wollen muss und aufhören soll alles so negativ zu sehen. 

Ich weiß noch genau wie ich am Küchentisch saß und dachte, ich traue meinen Ohren nicht. Es war genau das Gegenteil von dem, was in dem Buch stand.

Ich war nur noch ein Schatten meiner selbst, konnte nicht essen, nicht schlafen, hatte Hitzegefühle in meinen Armen und schlimme Angstzustände, die nur abends ein wenig besser wurden. Ich dachte, dass ich in die Psychiatrie muss, weil ich nicht wusste was mit mir eigentlich passierte. 

Könnte ich diesen Zustand willentlich beeinflussen, hätte ich es doch längst getan! 

Ich war total geschockt und verärgert  von ihrer Reaktion. Und auch brachte es weitere Angst hoch, da ich versuchte  positiv zu sein. Aber in einer solchen Angst (Angststörung) und Hoffnungslosigkeit (Depression) konnte ich nicht mehr positiv denken. Es wisperte mir immer eins der beiden o.g. Teufelchen  ins Ohr, dass ich es nicht schaffe, denn eine Garantie gibt es nicht. 

Heute denke ich, es war Hilflosigkeit, die sie dazu brachte so streng zu sein. Denn gutes Zureden hat auch nicht geholfen.

Hier ein Link zum Video Der Schwarze Hund von Matthew Johnstone (in Englisch).

Und ein Link von einem seiner Live-Auftritte (in Englisch):  

Ich habe dann anderen Familienmitgliedern und Freunden folgenden Link geschickt. Hier gibt es viele Antworten auf Fragen, die man sich selbst, aber auch andere einem stellen. Der Link ist vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie und das Lesen gab mir Hoffnung und ich finde, dass die Antworten verständlich erläutert sind.

Das Schreiben dieses Blogs hilft mir sehr. Hier kann ich meinen seelischen Müll abladen und ordnen.

Wie bei meiner Therapie muss ich kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich kann den ganzen Ballast aus mir rauslassen. Ohne Rücksicht auf Gefühle anderer. Das ist sehr befreiend. Und erleichtert ungemein. Hätte ich anfangs nicht gedacht.

Ich bin unendlich dankbar für die Hilfe meiner Hausärztin, meiner Therapeutin und meines Psychiaters. Stundenlang haben sie mir zugehört, mich weinen lassen und wieder aufgebaut. Mit mir zusammen suchen sie Wege, damit ich das dunkle Tal und seine Bewohner irgendwann hinter mir lassen kann.

Der erste Schritt um Hilfe zu suchen und zu bitten war unglaublich schwer. Ich dachte anfangs, ich bekomme es alleine hin. Als dies nicht funktionierte war ich so enttäuscht und frustriert über mich selbst. Dann fand ich die Therapeutin. Trotzdem kam der große Zusammenbruch – ich war so enttäuscht. Dann Hilfe von Hausärztin und Therapeutin. Trotzdem kam die erste Angstphase. Weitere Enttäuschung und Frustration. 5 Wochen Reha – trotzdem kam in der Reha und der erste Samstag direkt danach wieder eine Angstphase. Nach all den Überwindungen, Anstrengungen, Änderung der Verhaltensweise – nach all dem trotzdem wieder Angst. Die Enttäuschung, Wut und Frustration über mich selbst wuchs immer mehr. Ich wollte alles und zwar gleich.

Raus aus diesem Leid. 

Aber: Was lange kommt, braucht auch lange um zu gehen. Der Zusammenbruch im letzten Jahr hat sich jahrelang angebahnt. Ich wollte es nur nicht wahrhaben.

Und ich muss Geduld mit mir haben. Mehr auf mein Bauchgefühl achten, meine eigenen Grenzen respektieren.

Und wenn nichts anderes hilft, dann sollte man auch nicht vor einem Antidepressivum scheuen (unbedingt vorher einen Facharzt für Psychiatrie konsultieren). Ich war auch dagegen, aber als nichts half, war ich letztendlich froh darüber die Cymbalta von meinem Psychiater bekommen zu haben. Sie öffneten meine ,Scheuklappen‘ und die Fokussierung auf die Angst und Traurigkeit löste sich soweit auf, dass sie nicht mehr meine Gedanken bestimmen, sondern auch Platz für andere, auch erfreuliche, Gedanken ist.  Ich rate aber nochmal dringend dazu, dass jeder vorab einen Facharzt für Psychiatrie aufsucht. Dies sind Fachleute und sie sind darauf spezialisiert, d.h. sie können meist sehr gut einschätzen, welches Medikament für wen das jeweils richtige ist.

Am Ende des Buches ,Ein Leben mit dem schwarzen Hund‘ von Matthew Johnstone steht:

Einer der wichtigsten Aspekte dieser Reise ist es, sich einander immer wieder vor Augen zu führen:

Es geht vorbei. Es geht vorbei. Es geht vorbei.