Aller Anfang ist schwer - besonders mit Erna (aka die Angststörung)
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Aller Anfang ist schwer – vor allem mit Erna

10. November 2016

Die ersten Monate mit Erna (aka meine Angststörung) waren schwer und ich bezeichne sie als meine eigene persönliche Hölle. Da Erna ständig in meiner Nähe war, konnte ich nie abschalten, noch nicht mal im Schlaf. Selbst dann kuschelte sie sich an mich und schnarchte mir leise ins Ohr. Und ich mag es einfach nicht, wenn jemand so dicht neben mir liegt. Ich brauche meinen Freiraum – auch beim Schlafen. 

Da ich Erna’s Gequassel leider nicht wie bei einem Radio abstellen konnte, bin ich nach monatelanger Quälerei im Dezember 2013 zu einem Facharzt für Psychiatrie gegangen und er verschrieb mir ein Antidepressivum. Und siehe da, das Gerede wurde leiser und die Scheuklappen, die mich nur auf die Angst fokussierten, verschwanden.

Erna war zwar immer noch da, aber ihre ständige Anwesenheit machte mich nicht mehr so fertig. Versteh mich nicht falsch – Tabletten sind kein Wundermittelchen und danach ist alles toll und Deine Probleme sind gelöst. Nein, so ist es nicht. Die Tabletten gaben mir aber eine Grundlage, mit deren Unterstützung ich erstmal ausruhen und Kraft sammeln konnte. 

Tabletten können Dir quasi eine Tür öffnen. Durchgehen und Dich auf der anderen Seite halten, musst Du aber ganz alleine. Das kann Dir keine Tablette der Welt abnehmen. 

Nun, da ich Kraft sammeln und mich von den Strapazen der vergangenen Monate erholen konnte, machten Erna und ich einen Plan. 

Soziale Kontakte und Ablenkung sind das A und O

Am wichtigsten für mich war es, ein aktives Sozialleben aufzubauen. Denn mit Schrecken musste ich feststellen, dass ich in den letzten Jahren außer Arbeiten nicht mehr viel gemacht habe. Ich hatte keine Hobbys, einfach nichts, was mich von der Angst ablenken konnte. Und Ablenkung ist das A und O, wenn Du die Angst und die damit einhergehenden Gedanken unter Kontrolle bekommen möchtest.

Also fing ich an meine Wohnung zu putzen. Und musste feststellen, dass meine hausfraulichen Qualitäten eher unterentwickelt sind. Ich kann dem einfach nichts abgewinnen. Es erfüllte mich nicht und meine Gedanken flitzten trotz körperlicher Tätigkeit einfach freudig weiter in der Gegend herum. Und da Erna von der ganz alten Schule ist, hatte sie an allem, was ich tat etwas auszusetzen. An Allem!! Am liebsten hätte ich ihr den Schrubber hinterher geschmissen.

Um Mord und Totschlag zu vermeiden, musste ein anderes Hobby her. Aber was tun, wenn mich nichts wirklich mehr begeisterte?! Ausprobieren!!

Probiere verschiedenes aus und bleibe bei dem, was Dir gefällt

Ich merkte, dass es mir besser ging, wenn ich mit anderen Leuten zusammen sportlich aktiv war, sprich raus aus der Wohnung und unter Menschen zu sein und nicht allein zu Hause mit Erna vorm Fernseher hocken und Trübsal blasen.

Also ging ich zum Zumba. O-HA! Ich muss heute noch entweder lachen oder die Schamesröte steigt mir ins Gesicht, wenn ich daran zurückdenke. Dazu muss ich sagen, dass ich wirklich viel Fantasie habe, aber selbst meine Vorstellungskraft verpuffte wie Sprühregen im Hochsommer, als ich mich selbst in den deckenhohen Spiegeln der Tanzschule versehentlich erblickte. Bis dato hatte ich dies tunlichst vermieden und konnte mir weismachen, dass meine Bewegungen grazil, sexy und leicht wie eine Feder waren. Als ich dann aber das schnaufende und obendrein stocksteife deutsche Mädel erblickte, das sich bedauerlicherweise als mein Spiegelbild entpuppte, brach mein Fantasiegebilde kläglich in sich zusammen.

Meine Reitlehrerin hat in meiner Kindheit schon zu mir gesagt, ich wäre steif wie eine Eisenbahnschiene. Beim Reiten mag das nicht ganz so dramatisch sein, beim Tanzen allerdings doch eher hinderlich. Zu guter Letzt musste ich mir eingestehen, dass aus mir nie eine heißblütige, feurige Tänzerin werden würde. Diese sexy Hüftschwünge würden bei mir eher in einem Beckenbruch enden, als aufreizend auszusehen.

Also ging ich dahin, wohin es das gemeine Volk normalerweise verschlägt: ins Fitness Studio. Zum Gerätetraining. Das war ok. Denn dort war es egal, wie leichtfüßig bzw. in meinem Falle stocksteif ich war. Und es hatte sogar noch einen weiteren Vorteil, denn das Zählen der Wiederholungen beruhigte die Affenbande in meinem Kopf.

Wenn Du glaubst, Erna wäre in der Zeit schön brav zu Hause geblieben und hätte das Abendessen vorbereitet – Pustekuchen! Sie hatte sich für unsere Ausflüge ins Fitness Studio extra einen Jogginganzug gekauft. Und zwar einen in mint-lila. Natürlich mit passenden Turnschuhen, Stirn- und Schweißbändern. Wäre sie nicht schon allein durch ihre kreative Farbkombi aufgefallen, dann spätestens an ihrem Befehlston, denn sie wusste einfach alles besser. Studierte Sportwissenschaftler – doof! Trainer – doof! Sprich – alle doof, außer Erna!

Erna - einfach unverbesserlich!

Erst als sie kurz vorm lebenslangen Studioverweis stand und ich mich trotzdem strikt weigerte mit ihr zu gehen, hatte sie ein Einsehen. Und es hat ihr dann doch noch außerordentlich gut dort gefallen, denn obwohl sie den Altersdurchschnitt drastisch ansteigen ließ, gab es dort immer noch ein paar junge Burschen (sie sind 80!), die ihr schöne Augen machen.

Angestachelt durch dieses rege Umwerben der älteren Herren, gab sie mir auch direkt (ungefragt) Nachhilfe in Sachen Flirten. Sie! Mir! Ich solle die Tipps doch beherzigen, wenn ich das nächste Mal wieder dorthin gehe. Dann klappe das auch mal mit den Männern bei mir.

Manchmal fühle ich mich einfach unglaublich müde…….

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